Die Büchse der Pandora
Lulu

KÜSPERT & KOLLEGEN:
Hubert Winter: Klarinette/Bassklarinette/Saxophon
 Felix Wiegand: Kontrabass
Paul Höchstädter: Schlagzeug
Werner Küspert: Komposition, Gitarre

Regie: Georg Wilhelm Pabst
Deutschland 1929 -

Drehbuch: Ladislaus Vajda - nach dem Bühnenstück von Franz Wedekind Kamera: Günther Krampf - mit Louise Brooks, Fritz Kortner, Franz Lederer, Carl Goetz, Alice Roberts, Gustav Diessl, Daisy d'Ora - Produktion: Nero­Film AG, Berlin - Premiere: 9.2.1929 (Berlin) - Archiv: Filmmuseum München - Farbe: schwarzweiß - Länge: 2.987 Meter - 130 Minuten (20 B/s) - Zwischentitel: deutsch

Deutsche Qualitäts­Filmarbeit. Ein nicht alltägliches Einsetzen von Kapital und Künstlerschaffen. Jenseits aller Kritik muss dieser Film gewertet werden als erfreuliche Tat, als Ansporn, als Kampfansage gegenüber dem Mittelfilm­Einerlei. Pabst hat nie die unselige deutsche Filmmode des übertrieben langen Ausspielens mitgemacht, er huldigt nie der Theorie, dass nur da wahre Filmkunst ist, wo Langeweile dominiert. Er sorgt für Bewegung, er beherrscht die Kunst des Untermalens durch Details und Zwischenschnitte. Er verzettelt sich aber diesmal weniger als sonst, die Stärke des Stoffes zwingt ihn, die großen Ereignisse im Auge zu behalten und im kleinen Maß zu halten.

Zwei Faktoren machen den Film zu einem Kunstwerk: die geniale Kamera­Leistung von Günther Krampf und die glänzende Darstellung. Pabst holt aus einem sorgfältig zusammengestellten Ensemble Wirkungen heraus, die wahre Filmkunst sind, die in dieser Form die Bühne nicht nachzuahmen vermag.

Da ist die  vieldiskutierte Lulu der Louise Brooks. Die passivste Rolle des Films. Pabst lässt seinen Film um diese Frau spielen, lässt um sie herum Tragödien geschehen und Menschen zugrunde gehen. Sie steht da, lächelnd, in kindlicher Freude am Sinnengenuss. Zuweilen wird sie etwas unwillig, wie ein Schulmädel, dem irgend etwas schief gegangen ist. Pabst macht aus der Lulu keinen Vamp, den man hassen soll, sondern eine Frau, die nichts für ihre Wirkung auf die Männer kann. In diesem Sinne ist die Brooks eine glänzende Interpretin. (Georg Herzberg, in: Film­Kurier 37/1929)

Die dramatische Fiktion der Femme fatale mit ihrer irritierenden Mischung aus Vitalität und Passivität, Triebbefriedigung und Unschuld, Leidenschaft und Kühle ist in Louise Brooks' Verkörperung zu einer modernen Frau und gleichzeitig zu einer Ikone der Filmgeschichte geworden. Pabst hat eine besondere Begabung in der Inszenierung seiner häufig gegen die Star­Konventionen besetzten Hauptdarstellerinnen. Für die Aufnahmen mit Louise Brooks ließ er besonders weichzeichnendes Filmmaterial verwenden, um den Lichtgloriolen­Glanz, den er um ihr häufig im Halbprofil gezeigtes makelloses Gesicht legt, als Ausdruck vibrierender Erotik einzufangen. Ihr Blick scheint dem Gegenüber zu gelten, heftet sich aber nie an ihn, sondern vagabundiert. Blicke, offene und verstohlene, aktive und verschämte, sind ein zentrales Aktionselement des Films.

Obwohl alle Männer Lulu begehren, und Pabst dies in Tableaus unterstreicht, in denen sie sich fast immer zwischen Männern bewegt, sind diese – das legt ihr Gestus nahe – zu losgelöster Körperlichkeit und Sexualität kaum in der Lage.

Ganz im Gegensatz dazu Lulu. Sie bewegt sich trotz aller Bedrängnis locker und wird zumeist frontal oder in Seitensicht gezeigt. Wenn Pabst ihren Rücken, Nacken und ihre Schultern zeigt, sind diese unbekleidet, und Licht sowie Kamerablick modellieren erotischen Zauber. Im Blick darauf formuliert Pabst jedoch auch die Komplementäre dieses Zaubers: Obsession und Besitzanspruch.
Jürgen Kasten, in: Metzler Film Lexikon; Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 1995